Stefan B., 22, gelernter Bürokaufmann, ist Zivildienstleistender im Caritas Alten- und Servicezentrum in München Obermenzing.
10 Fragen
Vor meinem Zivildienst habe ich mir nicht viele Gedanken gemacht über das Alter. Das hat sich hier im ASZ geändert. Ich habe viel erlebt und noch mehr gesehen. Ich habe gemerkt, dass ich Fragen habe an die Menschen, die heute alt sind. 10 Fragen habe ich aufgeschrieben:
- Geht Weisheit und Altwerden Hand in Hand?

- Ist Altwerden ein Fluch oder Segen?
- Wie fühlt sich der Körper im Gegensatz zu jungen Jahren an?
- Was hat man alles erlebt?
- Wie hat man sich früher verabredet – ohne Technik?
- Wie wichtig war die Familie damals?
- Wenn und wohin ist man in Urlaub gefahren?
- Wie teuer war damals eine Brezn`n
- Würde man lieber in der damaligen Zeit, oder in der jetzigen aufwachsen?
- Wie verhalten sich junge Menschen einem gegenüber?




Hallo Stefan, ich versuch`s mal. Ich bin fast 70 und siebenfache Großmutter. Näheres siehe unter http://www.guter-ton.de
Zu 1. Ich denke, das muß man auch wollen, dazu gehört für mich, daß ich das Alter in der jeweiligen Phase annehme- auch mit den weniger angenehmen Seiten. Dann hält es schon noch viele Überraschungen bereit. Neugier auf Menschen und neue Erfahrungen hält im Kopf fit und hilft einem, sich selber gut zu finden. Das ist, denke ich, nicht viel anders als bei jungen Menschen. Allerdings wird man im günstigsten Falle mit sich und anderen im Alter nachsichtiger, und das ist gut so.
2. ergibt sich fast aus 1.: vorwiegend Segen (ist aber meine ganz persönliche Sicht). Viele Dinge werden unwichtiger, andere ganz wichtig (was geht noch, mit wem kann ich das teilen?)
3. Na ja, Gicht und Arthrose lassen grüßen und der hohe Blutdruck auch. Letzteren kann man medikamentös in Schach halten. Ersteres macht meinem Mann und mir morgens sehr zu schaffen (steife Knochen). Na und? Stehen wir eben später auf, nehmen uns erst nachmittags richtig was vor. Geht es uns gut, passiert mehr-geht es mal nicht so gut: Morgen ist ein neuer Tag.- Der Chirurg hat mir kürzlich eine OP gegen Gichtknoten und Arthrose im Daumen angeboten- aber Gips. Ich erklärte ihm, dazu hätte ich keine zeit, weil ich jeden Tag Töpfergruppen habe. Er: Na wenn Sie töpfern, tun Sie sich den besten Gefallen. Da brauche ich Sie auch nicht zu operieren.
4. Das wäre ein abendfüllendes Programm, denn ich bin nicht nur 45 Jahre verheiratet, sondern habe den Großteil meines Lebens in der DDR verbracht. Das war-, wegen Unangepaßtheit-, oft schwer. Aber es war auch schön und lohnend mit reichen Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Die können durch keine Konsumgesellschaft aufgewogen werden.
5. Briefe geschrieben- sich getroffen im Jugendkreis, bei Freizeiten, im Kino, beim Tanzen- und dann was “festgemacht”. Manchmal denke ich, diese Kontakte waren nicht so kurzlebig. Manche halten bis heute.
6. Familie war sehr wichtig in meiner Kindheit (Nachkriegszeit). Da ging ohne Familie nichts, sonst wären wir wohl verhungert. Dann unsere eigene Familie- war ein sicherer Hort und für alle beteiligten eine Ort des ständigen Lernens voneinander. Ich denke, daß Grundwerte und soziales Verhalten hier ihren Ursprung haben. Allerdings gab es viel Freiheit für jeden in unserer Familie. Wir wußten zwar immer, wo der andere sich grade aufhält und wann er ungefähr wiederkommt(war hier schon wichtig), aber keiner hat dem anderen rein geredet. Daß beide Eltern immer voll berufstätig waren, ging auch nur, weil alle das geschultert haben.
7. Das war ja nun eingeschränkt, aber auch doch schön: Urlaub über die Gewerkschaft an der Ostsee, im Harz oder in der Tschechoslowakei. Die Gehälter waren zwar klein, aber so was war erschwinglich.
Die Kinder fuhren außerdem-, ebenfalls erschwinglich-, ins Ferienlager, mußten da aber ein gewisses Maß an “Rotlichtbestrahlung” ertragen. Gern fuhren sie in der Konfirmandenzeit und später zu Freizeiten. Außerdem jährlich mindesten 1 x zu meinen Eltern ins Erzgebirge.
8. Die gab es bei uns nicht. Es gab Streußelschnecken (ca. 12 -15 cm Durchmesser) für 10 Pfennige.
Ich fand meine Kindheit gut und habe viel tätige und fantasievolle Liebe erfahren. Heute bringe ich meinen Enkeln nahe, daß man spielen und basteln und alles mögliche kann ohne Fernseher und PC, und ich lerne von ihnen, mit PC neue Welten zu entdecken (mailen, Chatten, Facebook etc.)
Für meine Enkel freue ich mich, daß sie reisen können wohin sie wollen und so weit das selbst gesparte und verdiente Geld reicht (kleiner Zuschuss inclusive). Und ich freue mich, daß sie lernen und studieren können, wie es ihren Gaben und Neigungen entspricht- und keiner fragt nach der politischen Einstellung der Eltern.
10. Wie gute Lernpartner undrespektvolle Freunde. Ich denke aber, da gilt das alte Sprichwort:”Wie ich in den Wald hinein rufe, schallt es heraus…”
Kannst Du damit was anfangen? Viel Spaßbeim Lesen und nachdenken! Irla Wulf, gen. Töpferoma
Nachtrag: Vier meiner Enkel leben nicht (oder nicht mehr) in Parchim. Keiner würde mir Briefe schreiben. Aber mailen und chatten schon- und so haben wir eine Brücke zu einander. Töpferoma läßt grüßen.