Marita, Seniorin und Mitglied der Erinnerungs- und Erfahrungs-Werkstatt im Caritas-Alten-und-Servicezentrum in München-Obermenzing, erzählt von ihrem ersten Kuss.
Es war ein sommerdurchfluteter Tag, die Ähren standen senkrecht nach oben gerichtet, und das Spiel von Licht und Schatten durchzog das Feld. Arno, ein gleichaltriger Junge von zehn Jahren, begleitete mich in das nächstgelegene Dorf zur Kirche. Es war Sonntag. Jeden Sonntag besuchten die katholischen Kinder des Kinderheims den Nachbarort. Als ich so neben ihm ging und er meine Hand in die seine legte, sie nach vorne und dann nach hinten schleuderte, spürte ich ein prickelndes Gefühl in meinem Körper.
Ich war glücklich, seine Hand, seinen Druck in meiner Hand zu spüren, und ich dachte, mein Herz zerspränge. Die anderen Kinder gingen schneller als wir beide, und so vergrößerte sich der Abstand zwischen uns immer mehr. Nach einer Biegung entschwanden sie aus unserem Blickfeld. Arno bückte sich und zog mich ein Stück mit hinunter auf den Boden, wo er mir ein kleines Tier, das den Weg überquerte, zeigen wollte. Unsere Köpfe näherten sich dabei, wir schauten uns an – ein langer verliebter Blick -, und dann gab er mir einen sehr zärtlichen Kuss auf die Lippen. Ich dachte, alles um mich herum versinkt ins Unendliche.
Er zog mich wieder nach oben und gab mir wieder einen sehr zärtlichen Kuss auf meine Lippen. Doch bevor ich wieder uns Unendliche versinken konnte, kam mein Bruder in Sicht und rief uns entgegen, dass wir uns beeilen und nicht trödeln sollten. Arno und ich nahmen uns an den Händen und rannten den Weg in Richtung Dorf entlang, überholten dabei die anderen Kinder und warteten am Dorfrand auf sie. Unserer beider Herzen pochten nicht nur vom schnellen Rennen.
Leider ging diese schöne Beziehung zu Ende, als ich wieder zu meiner Mutter nach Hause durfte. Nach vielen Jahren sah ich Arno noch einmal, seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Wa geblieben ist, ist das Erlebnis einer sehr zärtlichen Begegnung und das Verstehen zweier Seelen.
Marita



