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LebensSinn

Aufklärung

Geschrieben von Erinnerungs- Erfahrungs-Werkstatt am 25. März 2010
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Renate, Seniorin und Mitglied der Erinnerungs- und Erfahrungs-Werkstatt im Caritas-Alten-und Servicezentrum München-Obermenzing, erzählt.

Auf dem Gebiet der Aufklärung besteht im Vergleich von damals und heute ein großer Unterschied. Na dann, in Gottes Namen, erzähle ich hier, wie ich aufgeklärt wurde:

Gleich nach der Geburt braucht der Mensch Luft und zwar immerzu, bis zum letzten Atemzug. Das ist halt so, weil wir ohne Sauerstoff nicht leben können. Doch dann gibt es viele Dinge, die wir nicht immerzu brauchen, aber doch von Zeit zu Zeit immer wieder. Die Natur fragt da nicht lange, sie treibt uns einfach dazu, und das nennt man dann „Triebe“. Das sind sehr viele mit unterschiedlicher Stärke, der Nahrungstrieb, der Bewegungstrieb, und ab einem gewissen Alter der Fortpflanzungstrieb.

Ich bin Jahrgang 1941, und dieses Thema war ein Tabu. Sexualität und Fortpflanzung der Menschen – oje, da musste ich selbst dahinter kommen. In meinem Heimatdorf gab es viele Kinder, Buben und Mädchen spielten auch zusammen, und wir wussten sehr wohl den Unterschied.  Wir wohnten auf einem Bauernhof, und das volle Leben umgab mich. Jede Menge Rinder, Schweine, Schafe, Gänse. Täglich konnte man zusehen beim Zeugen, Gebären, Aufwachsen und Sterben. Doch das waren Tiere. Wie ist das nun beim Menschen?

Ich sagte schon, das war absolut tabu. Um so neugieriger wird man da mit zunehmendem Alter. An den Klapperstorch glaubte in der 3. Klasse niemand mehr. Aber wie kommt ein Kind in den Bauch der Mutter hinein und vor allem wo und wie kommt es da heraus? Die Eltern fragen war unmöglich. Die Erwachsenen sprachen zwar darüber, aber wenn wir Kinder dazukamen, wurde das Gespräch jäh unterbrochen und komisch gehüstelt. Plötzlich waren die Schindeln am Dach und das Wetter hoch interessant. Erwachsene! Ob Christkind, Osterhase oder Klapperstorch – sie konnten nicht die Wahrheit sagen.  Wieso nur? 

Und dann, in den Sommerferien, erklärte uns ein Bub aus München: „Der Vater macht was mit der Mutter und dann wächst das Kind im Bauch der Mutter. Wenn das Kind groß genug ist, platzt der Bauch der Mutter auf und das Kind ist geboren. Dann muss die Mutter brav im Bett bleiben, bis der Bauch wieder zugewachsen ist. Ach so ist das – logisch. Wir waren zufrieden. Aber dieses Bauchaufplatzen musste doch furchtbar schmerzhaft sein! Ich war ein Mädchen. Mit graute und ich hatte Zukunftsängste. Als meine Schwester Zwillinge bekam, kamen diese daheim zur Welt. Es war eine schwere Geburt. Wir hatten kein Telefon, ich musste mit dem Fahrrad ins Dorf fahren und die Hebamme holen, mit einem Zettel in der Hand. Wenn sie da war, musste ich im Freien warten, bis der Zirkus vorbei war. Nun war ich beinahe „aufgeklärt“ und dachte nur eins: nichts wie weg! Ich wollte Missionsschwester werden und war mit 14 Jahren in Altötting bei den „Lehrschwestern vom Hl. Kreuz“. Erst mal als Schülerin und mit 15 Jahren als Kandidatin. Im Lehrfach Säuglingspflege wurde von Partnersuche, Familiengründung, Zeugung, Geburt und Säuglingspflege gesprochen. Mit schönen, gewählten Worten sprach man da und nicht in Form von schmutzigen Witzen. Ich fühlte ein großes Vakuum in meinem Innern, mir fehlte einfach die Jugend, das jung und fröhlich sein dürfen. Und die Natur forderte einfach ihr Recht. Mit neunzehneinhalb Jahren verließ ich das Klosterleben und war plötzlich ein „normales junges Mädchen“. Mit einem ganz normalen Leben, mit Küssen, Lieben und Heiraten.

Aufklärung: Für Tiere ist Fortpflanzung eine klare Sache. Wir Menschen mit unserem „hinderlichen“ Verstand brauchen dazu erst „Aufklärung“ und verstehen trotzdem nichts. Schämen wir uns, dass wir uns fortpflanzen „müssen“? Wäre für uns halbgeistige Wesen etwa eine andere Vermehrung vorgesehen? Sauber und schmerzlos? Und das Leben schweigt….. und legt uns immer wieder rein – trotz Verstand. Das Leben selbst ist und bleibt ein Geheimnis….. 

Renate

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