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LebensLust

Opa, erzähl von früher!

Geschrieben von Julia S. am 31. März 2010
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Julia, 17, erzählt von ihrem Verhältnis zu ihren Großeltern – und wie es sich im Lauf der Jahre gewandelt hat:

Großeltern

“Opa erzähl von früher!” Welches Kind hat dies noch nie eingefordert? Immer wieder diese eine Frage, weil man sich selbst von “früher” nichts vorstellen kann, weil früher für eine 5-jährige die 1970er Jahre, aber ebensogut auch die Zeit des Mittelalters oder die Antike sein kann.  Und weil es etwas ist, was teilweise nicht einmal die eigenen Eltern wissen. Es ist für eine 5-jährige ein großes Fragezeichen, eine Art Geheimnis, und das will man als Kind natürlich lüften. Und welches Kind hat auf diese Forderung noch nie die Antwort bekommen: “Ach Kind, früher war alles ganz anders” ?!

Mittlerweile bin ich aus diesem Alter schon lange heraus und habe angefangen zu begreifen, dass meine Kindheit ganz anders als die meiner Großeltern war. Dass die niemand hatten, der ihnen die Geschichte vom Rotkäppchen erzählt hat – “nur ohne Wolf Opa, weil der ist ja böse” :) . Und die nicht immerzu mit dem leckeren Kuchen von Oma vollgestopft wurden.Sondern dass damals, als Oma und Opa klein waren, Krieg herrschte, dass sie aus ihrem Haus vertrieben wurden, von ihren Freunden und ihrer gewohnten Umgebung getrennt wurden, und in ein fremdes Land kamen. Das ist “anders” und das erzählt man einer 5-jährigen oder selbst seinen eigenen Kindern nicht, weil man es selbst vergessen oder vielmehr verdrängen will. Und dann kann man auch verstehen, dass diese Generation über Kinder und Jugendliche, die sich den x-ten Gameboy wünschen oder nur vor dem PC sitzen, den Kopf schütteln, und den allseits bekannten Spruch: “Diese Jugend von heutzutage!” oder “Das hätte es bei uns aber nicht gegeben!” ablassen, weil sie selbst ganz anders groß geworden sind und eine andere Prägung haben.

Oder dass es für sie nicht selbstverständlich ist, jedes Jahr vier mal in den Urlaub zu fliegen oder drei Autos zu besitzen. Meine Oma hat mir einmal erzählt, dass sie früher mit Kartoffeln gespielt hat. Das waren ihre Puppen. Wie muss sich jemand fühlen, der mitansehen musste, wie die eigene Puppe nach dem Spielen gegessen wurde, wenn die eigene Enkelin 10 Puppen besitzt und dazu noch mindestens die komplette Baby-Born-Kollektion und sich immer noch eine neuere, tollere Puppe wünscht?

 Solche Erlebnisse wie die mit der “Kartoffelpuppe” prägen einen Menschen und führen dazu, dass niemals richtig über die eigene Kindheit, über das große Fragezeichen “früher” mit jemandem gesprochen wird, und schon gar nicht mit der eigenen 5-jährigen Enkelin. Seit meiner frühen Kindheit ist eine Menge Zeit vergangen, und ich hab leider nicht mehr ein so enges Verhältnis zu meinen Großeltern, da ich mich verändert habe, älter und reifer geworden bin und eine Menge neuer Dinge gelernt habe, die sie nicht kennen.

Trotzdem komme ich immer wieder gerne zu ihnen zurück und bin für eine Weile lang Kind. Doch mit der Zeit haben sich auch meine Großeltern verändert, sehen mich zumindest manchmal als halberwachsenen und einigermaßen vernünftigen Menschen :) . Dann erzählen sie mir etwas über “früher “, über ihr großes Geheimnis - und ich kann und darf lernen, die Welt durch andere Augen zu sehen, durch zwei faltige Augenpaare, die schon als Kinder bzw. Jugendliche mehr erlebt haben als andere Menschen in ihrem ganzen Leben, und von denen man viel lernen kann, wie beispielsweise, dass es wichtigere Dinge auf der Welt gibt als immer nur Konsum.

Ich bin sehr stolz darauf, solche Großeltern zu haben, durch die ich eine ganz andere Sicht auf die Welt kennen und lieben lernen konnte und kann und die ihr Leben ein Stück weit mit mir teilen!

2 Kommentare zu “Opa, erzähl von früher!”

  1. Marc sagt:

    Eine ähnliche Erfahrung macht auch Pauline. Die kindliche Sicht auf die Großeltern verändert sich mit den Jahren. Aber auch Pauline weiß, was sie an ihren perfekten Großeltern hat.
    http://blog.experten-fuers-leben.de/meine-perfekten-groseltern/181/trackback/

  2. Julia sagt:

    Vielen Dank Marc für Ihren Kommentar. Pauline hat sicherlich einen ähnlichen Blickwinkel auf ihre Großeltern wie ich auf die meinigen. An ihrem Text ist auch die Entwicklung gut zu sehen, die auch ich im Laufe der Jahre gemacht habe. Allerdings würde ich niemals von meinen Großeltern oder überhaupt einer anderen Person behaupten, dass sie perfekt ist. Ich denke vielmehr, dass eine Person ihre kleinen Macken und vorallem ihre Geschichte ausmacht. Als kleines Kind denkt man immer, dass die “großen Leute” perfekt sind doch wenn man zu Ihnen gehört, d.h. selbst älter geworden ist, versteht man, dass sie es gar nicht sind und auch meistens gar nicht sein wollen. Denn das wäre irgendwie langweilig.
    Ich danke Ihnen trotzdem für Ihr tolles Feedback und über die Verlinkung zu diesem sehr interessanten Blogbeitrag!

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